Kleine Geschichte der Runenkunde; Gebrauch und Mißbrauch der Runen in früherer Zeit; die Runen heute.

                  Die Runen sind weitaus älter als ihr politischer Mißbrauch im Dritten  Reich, man kann
                  sie nicht dafür verantwortlich machen, daß sie zum Inbegriff nationalsozialistischer

                  Willkürherrschaft geworden sind, das wäre nicht nur unhistorisch gedacht, es käme auch einer

                  Pauschalverurteilung gleich, die den Praktiken der "Heiligen" Inquisition an Verwerflichkeit ins nichts

                  nachsteht. Es wird Zeit, daß man zu einem unverkrampften Verhältnis zu unserem kulturellen Erbe

                  gelangen und daß man die Vorteile nutzt, die uns die Arbeit mit den Runen anbietet.

Für mich persönlich haben die Runen schon seit einiger Zeit eine merkwürdige Mischung aus Faszination

                  und Ehrfurcht ausgestrahlt. Wir brauchen uns nicht erst in die keulenschwingenden Attitüden und

                  Platitüden eines Pseudo-Germanentums zu versteigen, um ihre Kraft zu spüren, um jene Weisheit zu

                  erahnen, die uns durch die verschiedenen Runensysteme über die Jahrhunderte hinweg anweht. Die

                  Runen sind eine Entwicklung äußerst bodenständiger, schamanisch denkender und fühlender Völkerstämme,

                  die sogar noch in ihren heiligsten Weihehandlungen nie den Kontakt zur Alltagswirklichkeit verloren.

                  Auf diese Aspekte werde ich noch näher eingehen.

Jedem Mensch von heute aber steht es frei, sich auf das "Abenteuer Runen" einzulassen und selbst zu
                 entscheiden, wie weit er dabei gehen, wie tief er jene noch unerforschten Ländereien im Innersten

                 der Seele erforschen will, zu denen die Runen ein Tor von vielen möglichen darstellen. Runenwissen

                 ist stets auch Seelenwissen. Das Unbewußte hat erfahrungsgemäß einen viel unmittelbareren Zugang

                 zu ihm als unser rationaler Verstand. Daher möchte dieses Buch auch bei der Vermittlung der

                 Runenkunde die Gesetze des Unbewußten berücksichtigen. Dies geschieht im eigentlichen Runenteil

                 durch die Gliederung in verschiedene "intuitive" Rubriken: Bilder, assoziative Stichworte, poetische

                 Zitate aus der Runendichtung, der Gebrauch der Du-Form in der Anrede, Affirmationen usw.

                 Hinweise für den Umgang damit finden sich in einem späteren Kapitel.

                 Wenn das Werk dazu beitragen sollte, der einen oder anderen Person die Welt der Runen auf der
                 Grundlage persönlicher Erfahrung zu erschließen, auf daß er dadurch sein Leben bereichern kann

                 und Gelegenheit erhält, als Magier oder Runenmeister unmittelbaren Einfluß auf sein Schicksal zu

                 nehmen, es zu befragen, Trends zu erkennen und zu nutzen, Schutz und Heilung durch Runenarbeit

                 zu erhalten und vielleicht sogar einen neuen Zugang zur Transzendenz jenseits von Zeit und Raum, so

                 hat es seinen Zweck mehr als erfüllt.

RUNENGESCHICHTE, RUNENGESCHICHTEN
 

      Runen - nach Meinung orthodoxer, akademischer Sprachforscher "nur" ein Alphabet der
      germanischen bzw. nordischen Volksstämme, das erst relativ spät, nämlich um 50 v.Chr.

      nachzuweisen ist, abgeleitet (darin sind sich die Gelehrten noch nicht einig) entweder aus der

      römischen oder aus der etruskischen Schreibschrift.
             Runen - nach Meinung esoterischer Autoren ein ganzes System von Weisheiten und Kräften, für die
             die verdinglichten Runenzeichen nur ein Ausdruck von vielen sind, älter als der Fels, in grauer

             Vorzeit von den Weisen geschaut, ja den Menschen von Göttern übergeben, auf daß sie diesen

             Schatz hegen und pflegen, auf daß sie ihrem Leben damit Gedeihen bescheren mochte.

Was ist Wahrheit? Ist es das trockene Bücherwissen des Archivars, dem nichts gilt, was nicht
                 schriftlich fixiert, erhalten und entziffert wurde? Ist es das Paradigma des Naturwissenschaftlers, der

                 vorgibt, die Dinge so zu sehen, wie sie "wirklich" sind: bemessen nach Zahlen und Gewichten,

                 äussere, materielle Schale ohne innere, geistige Substanz? Oder ist es die schwärmerische Vision

                 eines etwas überhitzten Geistes, der allen gesicherten historischen Erkenntnissen hohnspricht, aber

                 behauptet, er habe eben jene geistige Essenz geschaut, die sich hinter dem "Schein der Dinge"

                 verberge?

                Die Runen wurden auswendig gelernt, sie wurden vergessen; sie wurden aufgeschrieben, sie wurden
                verbrannt; sie wurden geachtet und verachtet, gebraucht und mißbraucht. Den germanischen bzw.

                nordischen Völkern galten sie als heiliges, göttliches Wissen -dem deutschen Faschismus als

                willkommenes Werkzeug, um seine "völkischen Ideale" historisierend (aber dabei, wie jede

                Politideologie, historisch verfremdend bis verfälschend) aufzupolieren. War unseren Vorfahren die

                Rune sowilo ein Symbol der Sonne und der Dynamik des Donnerkeils, wurde sie in den KZs des

                Zweiten Weltkriegs zum Schreckensbild jenes finsteren "Ordens unter dem Totenkopf", der

                SS-Killertruppen und der tödlichen Entropie der Vergasungskammern.

               Doch was haben die Runen selbst damit zu tun? Machen Symbole sich etwa schuldig, wenn der
               Mensch in sie hineinprojiziert, was ihm eben gerade in sein Weltbild paßt? Oder, tiefer durchdacht

               gefragt: Wenn am esoterischen Anspruch etwas dran ist, wieso haben die Runen dann eine derartige

               Entweihung" zugelassen? Oder war das grauenerregende Inferno des Untergangs des

               "Tausenjährigen" Reichs (und mit ihm des alten Europa) vielleicht eine subtile Rache der Runen und

               jener Mächte, für die sie stehen sollen? Wer könnte das zweifelsfrei beantworten? Oft werfen die

               Runen mehr Fragen auf, als sie klären, und das ist sicherlich ganz gut so, denn es zwingt uns, ihr an

               Bildern und Erfahrungen so reiches Universum auf eigene Faust zu erkunden.

               Deshalb ist es einfach empfehlenswert die Runen auf ganz unbekümmerte, ja vielleicht sogar naive
               Weise selbst zu erforschen, völlig unabhängig von den Deutungsversuchen irgendwelcher selbsternannter

               "Meister" und "Historiker", "Eingeweihter" und "Runenpriester". Esoterisches

               Wissen war schon  immer individualistisch, sogar revolutionär. Mit seiner Hilfe erschloß sich der

               Mensch Macht und Freiheit - die Macht über sein eigenes Schicksal, die Freiheit vom transzendentalen

               Vermittlungsmonopol selbstzufriedener, verfetteter Priesterkasten. Wenn die Runen Dich auf Ihrem

               Weg zu einem erfüllten, selbstbestimmten Leben nicht ein Stück freier und unabhängiger von den

               Zwängen machen, die Umwelt und Gesellschaft, Lehrer und Familie, Politiker und Arbeitgeber

               Dir auferlegen wollen oder bereits auferlegt haben - dann werfe sie fort! Wozu Zeit und Kraft

               auf etwas vergeuden, das Dir nichts bringt? Wozu sich damit abquälen, seltsame Zeichen und

               Namen auswendig zu lernen, in ihr Symbolsystem einzudringen und es mühsam verstehen zu lernen,

               wenn das Ergebnis in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand steht?

               Wenn Du aber, was ich hoffen will, entdecken solltest, daß die Runen Dir einen ganzen
                Kosmos neuer Bilder und Kräfte, Erkenntnisse und Handlungsmöglichkeiten erschließen können,

                dann schere Dich nicht um die fadenscheinigen Einwände von Ideologen und

                "Wissenschaftlern", die Ihnen einzureden versuchen, das sei doch alles politisch dubios,

                psychologisch gefährlich und beruhe ohnehin nur auf Selbsttäuschung. Lass Dich davon nicht

                beirren und verunsichern. (Das ist keine blosse Theorie: Versuche dieser Art werden nämlich mit

                Sicherheit immer wieder vorkommen, sobald andere von Deiner Runenvorliebe erfahren.) "Was ist

                Wahrheit?" Diese Frage kann, darf und soll jeder Mensch nur für sich allein beantworten.

               Freilich wollen auch die Runen und ihre Gesetze erst einmal "erlernt" werden. Sie stehen uns
               historisch fern genug, um unseren durch eine zweitausend Jahre lang in eine andere, runenfeindliche

               Richtung verlaufene Geschichte geprägten Verstand vor einige Rätsel zu stellen. Das ist nicht immer

               leicht und verlangt nach Aufmerksamkeit, gutem Willen und etwas Geduld. Doch gibt es eine Instanz

               in unserem Inneren, die einen sehr viel leichteren Zugang zu diesem weitgehend in Vergessenheit

               geratenen, tief vergrabenen Wissen um unsere kulturelle(n) und seelische(n) Ge-Schichte(n) hat als

               die reine Vernunft. Das Unbewußte reagiert bei entsprechender Schulung sehr feinfühlig auf Bilder

               und Verse, auf sprachlich kaum noch fassbare Aussagen aus dem Reich der Runenzauber. Die alten

               Götter, die alten Runenmächte sind nicht tot: Odin schlummert noch heute tief in unserem Inneren

               und wartet auf den Tag, da wir es ihm gestatten, wiederaufzuerstehen und Teil unseres Lebens zu

               werden. Das kannst Du nun symbolich verstehen oder ganz wörtlich, es spielt für den Gebrauch

               und der dazugehörigen Runensteine keine Rolle.

               Indem wir einen spielerischen Ansatz wählen und uns die Runen im besten Sinne des Wortes
               spielend erarbeiten, lösen wir uns von dem alten Zwang, erst ein halbes Dutzend toter Sprachen

               erlernen zu müssen, uns in die Wahnsinnsetymologien "ariosophischer" Kreise zu stürzen und halbe

               Geschichtswissenschaftler zu werden, bevor wir uns daran wagen dürfen, die erste Rune in die

               Hand zu nehmen und zu befragen.

               Begegne  den Runen mit Respekt, aber nicht mit übertriebener Ehrfurcht. Gönne Dir  ruhig
               eine Menge Spaß mit den Runen -sie können es nicht nur vertragen, sie begrüßen es auch. Unsere

               Vorfahren waren nämlich nicht halb so humorlos, wie ihre heutigen Erben sie oft darstellen.

               DIE ENTSTEHUNG DES FUTHARK

               Man unterscheidet allgemein in ein Älteres und ein Jüngeres Futhark. Das Wort "Futhark" selbst ist
               nichts anderes als eine Zusammenfassung der ersten Buchstaben des Runenalphabets, nämlich "f, u,

               th, a, r und k".

               Früher wurden die Runen in Stein geritzt oder in Holzstäbe geschnitzt, unser heutiges Wort
               "Buchstabe" rührt noch daher: In der Zeit des Althochdeutschen bestanden Bücher aus

               zusammengehefteten Buchenholztafeln, in die man "Stäbe" schrieb. Es gilt als sicher, daß wir nur

               einen winzigen Bruchteil aller Runeninschriften kennen, da die überwiegende Mehrzahl auf wenig

               beständigen Materialien wie Holz, Leder und Stoff angebracht wurden, so daß nur sehr wenig

               erhalten geblieben ist.

               Der bisher älteste Runenfund ist die Brosche von Meldorf an der Westküste Jütlands, die auf etwa
               50 v.Chr. datiert wird. Das Ältere Futhark kennt vierundzwanzig Stäbe.

               Es gibt aber auch Futharks, beispielsweise das Angelsächsische und Friesische, mit dreiunddreißig
               Stäben.

               Ebenso Futharks, die eine Reihe von dreiundzwanzig oder sogar achtundzwanzig Stäben aufweisen.
               Auch eine Weiterentwicklung der 24er-Struktur auf eine Reihe mit sechsundzwanzig Stäben ist

               nachweisbar.

               Im 7. Jahrhundert entwickelte sich aus dem Älteren das Jüngere oder Nordische Futhark mit seinen
               sechzehn Stäben.

               Die Abbildung zeigt drei bekannte Futhark-Reihen.

               Erwähnen möchte ich auch noch, daß im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert im Rahmen der
               damaligen Runen-Renaissance vor allem durch den österreichischen Romancier und Runenforscher

               Guido (von) List (1848-1919) ein neues, 18er-Futhark aufkam, das die praktische Runenarbeit im

               deutschsprachigen Raum bis heute geprägt hat. List und seine Anhänger, die ihn wie einen

               Propheten verehrten und es teilweise noch bis heute tun, gingen davon aus, daß es ein "wahres"

               18er-Alphabet der Runen gegeben haben müsse, von dem jeder Stab einer der achtzehn

               Eddastrophen des Odinslieds entspreche. Diese Reihe ist jedoch profanhistorisch nicht

               nachweisbar, und inzwischen arbeiten immer mehr Runenkundige wieder mit dem Älteren Futhark,

               dessen Möglichkeiten noch lange nicht ausgelotet erscheinen.
.

Vier Futharks:
  a) das Ältere Futhark:


   b) das Angelsächsische Futhark:

c) das Jüngere Futhark:

d) das 18er-System nach List u.a.:

Über die Entstehung des Futhark gibt es, wie bereits erwähnt, verschiedene Theorien, von denen
             einige in der Fachwelt heute als veraltet gelten, während die Runenforschung sich noch immer nicht

             ganz einig ist, für welche Theorie sie sich eindeutig entscheiden soll. Das Spektrum reicht dabei von

             der Erklärung, daß die Runen sich aus dem römischen (lateinischen) Alphabet entwickelt hätten über

             die Behauptung, sie seien eine eigenständige Entwicklung der altgermanischen Völker bis zu der

             These eines etruskischen Ursprungs. Auch eine "griechische Theorie" wurde vorgeschlagen,

             derzufolge die Goten am Schwarzen Meer in Berührung mit der griechischen Kursivschrift gerieten

             und daraus die Runen entwickelten. Im Augenblick scheint allerdings die Mehrheit der Gelehrten die

             etruskische Theorie zu bevorzugen.

             Bei allem oben Gesagten werden die Runen zunächst nur als Bestandteile einer Schreibschrift
             betrachtet. Doch hieße es ihre Bedeutung zu verflachen, wenn wir uns allein darauf beschränkten.

             Tatsächlich stellt der Gebrauch der Runen zu anderen als kultischen und magischen Zwecken wohl

             eine späte Form der Dekadenz dar: Denn zunächst dienten sie ausschließlich dem Zauber und dem

             Zugang zur göttlichen Macht. Jede Rune stellte eine eigene Kraft dar, die der Runenkundige

             erfahren, zähmen und beispielsweise auf einen Gegenstand übertragen konnte, etwa um daraus ein

             Amulett oder einen Talisman zu machen. Die Runen nur als Schreibschrift zu deuten ist so, als

             würden wir heute anfangen, aus den 64 Trigrammen des chinesischen I Ging ein Alphabet zu

             machen, mit dem wir unsere tägliche Einkaufsliste schreiben. Eine absurde Vorstellung? Und doch

             wurde mit den Runen bisher meistens so verfahren.

             Aber was meinen die alten Mythen und Legenden zur Entstehung der Runen? Wie alle
             Sakralschriften der Menschheit sollen auch sie der Überlieferung zufolge göttlichen Urprungs sein:

             Odin empfing sie als Vision, während er neun Tage und neun Nächte qualvoll am Baum hing. Im

             Lichte der heutigen Ethnologie/Anthropologie erscheint es sehr wahrscheinlich, daß es sich bei

             diesem Martyrium des Gottes tatsächlich um die Einweihung eines Schamanen handelte, zumal

             einiges dafür spricht, daß Odin ursprünglich eine historische Gestalt gewesen ist, die im Laufe der

             Zeit zum Gott erhoben wurde.

             Demzufolge wären die Runen die Vision eines altgermanischen Schamanen oder Stammeszauberers,
             wären sie intuitiv empfangen und danach weiterentwickelt worden. Damit aber befinden sie sich in

             bester Gesellschaft, denn auf ähnlichen Visionen gründen sämtliche Weltreligionen, ja fußt alle Magie

             überhaupt. Ob wir Moses Offenbarung der Zehn Gebote, Buddhas Erleuchtung oder Mohammeds

             Empfangen des Heiligen Koran betrachten, stets finden wir einen Religionsstifter vor, der in einem

             nichtalltäglichen Bewußtseinszustand Wissen empfing oder aktivierte, das sein eigenes Leben und

             das seiner Anhänger entscheidend verändern und prägen sollte.

             Ebenso Odins Schau: Auch wenn sich der historische Urschamane, den man später als "Gott" Odin
             verehrte, im Dunkel der Urgeschichte verlieren mag, führte doch seine Vision zu einem eigenen Kult,

             dem Odinismus, der in manchen abgelegenen Teilen Europas auch die germanische Christianisierung

             bis in unsere Tage überlebte und inzwischen sogar in Island wieder zu einer staatlich anerkannten

             Religion geworden ist. Das Christentum brauchte lange Zeit, bis es die Spuren der heidnischen

             altgermanischen Religion beseitigt hatte. Doch alte Kulte sterben mühsam, gänzlich auszurotten sind

             sie fast nie, und so hat es im Norden seit dem Mittelalter immer wieder starke Bestrebungen

             gegeben, den Odinismus - teils christlich verbrämt, teils unverhüllt neuheidnisch - wiederaufblühen zu

             lassen.

             Die Runen aber sind, zusammen mit den Erzählungen und Liedern der Edda, das Haupterbe der
             altgermanischen Kulturen geworden. Noch heute zeigen sie sich in der Balkenanordnung zahlreicher

             alter Fachwerkhäuser, noch heute künden Sprachrelikte von ihrer einstigen Bedeutung, so wie

             beispielsweise altgermanische Götter wie Donar und Freya noch in unseren Wochentagen

             "Donnerstag" und "Freitag" lebendig sind. Das alte Julfest wird in vielen Gegenden immer noch

             regelmäßig gefeiert, und selbst altgermanische Bräuche wie der Austausch von Geschenken haben

             sich im christlichen Weihnachtsfest erhalten.

             Ein nüchterner Beobachter kann angesichts dieser Tatsachen nur zu dem Schluß gelangen, daß die
             alten Götter und ihre Kräfte ganz so tot wohl doch noch nicht sein können, auch wenn sie

             weitgehend aus unserem Bewußtsein verschwunden sein mögen. Sicher aber ist, daß die Runen

             nichts von ihrem alten Zauber eingebüßt haben - und ebensowenig von ihrer Macht. Denn wenn wir

             heute mit ihnen arbeiten, offenbaren sie uns immer wieder ihre Geheimnisse, selbst wenn es inmitten

             der Betonsilos und in der abgasverseuchten Luft unserer Städte geschieht. In diesem Sinne sind die

             Runen unsterblich, sind sie Verbindungstore zu einer Welt jenseits der gewöhnlichen Gesetze von

             Zeit und Raum, von Stirb und Werde, von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Ihr göttlicher Ursprung

             ist mindestens insoweit "wahr", als sie zu etwas Größerem führen können als wir selbst es sind.

            Vielleicht finden wir in dieser Tatsache auch eine Antwort auf unsere Frage, wieso es zu einem
            Mißbrauch der Runen in jüngst vergangenen Zeiten kommen konnte. Eine der Gefahren des

            politischen und philosophischen Idealismus liegt eben darin, daß allzu hochgesteckte Ziele, allzu

            hehre Ideale und Absolutheiten dazu neigen, den Menschen dazu zu bewegen, sich selbst kleiner zu

            machen als er in Wirklichkeit ist: So wird das Kollektiv wichtiger als er Einzelne, wird der Wille

            eines Führers "wahrer" als der seiner Gefolgsleute, kommt es zu einem "du bist nichts, dein Volk ist

            alles". Angesichts der schieren Unerreichbarkeit absoluter Instanzen sieht sich der Mensch als

            winzig, verloren und schwach an - und dies wird nur zu gern von jenen ausgenutzt, die darin ein

            Instrument der Machtausübung und des politischen Zynismus sehen: Macht man die Menschen

            klein, nimmt man ihnen ihr Selbstwertgefühl, und sei es durch eine übertriebene Ehrfurcht gegenüber

            dem "Göttlichen", so vertreibt man damit letztenendes auch das Göttliche selbst, betrügt sie um ihr

            Erbrecht, das da lautet: Freiheit, Selbstbestimmung, Glück. Runen lassen sich ebenso als Werkzeug

            der Unterdrückung gebrauchen wie das christliche Kreuz oder die Schwertsichel des Islam, wie die

            Padma des Buddhisten oder wie Hammer und Sichel der kommunistischen Parteien - alles Symbole

            der Befreiung des Menschen aus weltlichen oder politischen Ketten, und doch so häufig nicht mehr

            als ein Vorwand, um ebendiese Ketten noch fester zu schmieden, um dem Menschen noch mehr

            von seiner Freiheit zu rauben.

            Auch die Runen wollen frei machen. Der mythische oder reale Odin hat für uns alle gelitten, hat sie
            für uns alle empfangen. Ihr System ist traditionsreich, aber weder starr noch dogmatisch. Wie allen

            guten Analogiesystemen eignet auch ihnen eine Flexibilität und Vielseitigkeit, die sich letztendlich

            gegen jede mißbräuchliche Einengung durchsetzen muß, weil sie diese einfach überlebt! Das heutige

            Runenbewußtsein der Menschen, das immer stärker wird von Tag zu Tag, ist ein lebendiges Beispiel

            dafür, daß dieser alte Strom des Wissens nicht versiegt ist und wohl nie versiegen wird. Ob Sie zu

            metaphysischen Spekulationen neigen oder ein nüchterner Alltagsmensch und Realist sind, ob Sie an

            einen Gott oder gar an mehrere glauben, oder ob Sie den Atheismus vorziehen, ob Sie politisch

            rechts, links oder neutral sind - stets haben die Runen Ihnen etwas zu bieten, wenn Sie nur bereit

            sind, sich ihrer Macht für eine Weile anzuvertrauen, ihrer Botschaft eine Weile lang zu lauschen.

            Doch die Runen drängen sich niemandem auf - kein wahres Wissen tut das. Mag sein, daß Sie
            schon seit frühester Kindheit ihren leisen Ruf wahrgenommen, daß Sie von ihnen geträumt oder sie in

            der Meditation geschaut haben, ohne bewußt darum zu bitten; mag auch sein, daß Sie das Wissen

            der Runen, wenn Sie endlich Zugang dazu bekommen haben, wie etwas "schon immer Gewußtes"

            erscheint. Vielleicht haben die Runen Sie auch einfach nur fasziniert, seit Sie das erste Mal davon

            hörten. All dies sind milde Fingerzeige des Runenuniversums, gewiß, doch niemals werden die

            Runen Dich in ihre Gewalt zwingen. Sollten Du Dich von ihnen überwältigt fühlen, was leicht

            geschehen kann (siehe auch unsere Warnung weiter unten), so solltest Du Dir stets vor Augen

            führen, daß es Deine eigene Entscheidung war und bleibt, diesen Runenkosmos zu betreten, darin zu

            verharren oder ihn zu verlassen.

           Noch ein Wort der Warnung:

            Hüten Dich davor, Ihre Runenerkenntnisse zu verabsolutieren. Was sonst geschehen kann, das
            haben uns zahllose "Runensekten" immer wieder vor Augen geführt: Antisemitismus, verlogene

            Deutschtümelei gekoppelt mit irrationalem Ausländerhaß, Kriegsgelüste und Suche nach

            "Lebensraum im Osten", Die Runen sind in dem Sinne "gefährlich", als sie vom Runenkundigen

            verlangen, daß er sich an ihre manchmal etwas herbe Energie langsam und behutsam aklimatisiert.

            Stelle Dir zur Veranschaulichung einmal vor, daß Sie von heute auf morgen aus dem
            vergleichsweise milden Mitteleuropa in die Tropen versetzt würden. Selbst wenn Sie alle Regeln

            beachten sollten, die durch eine solche Verpflanzung geboten sind (z.B. auf den Gebieten der

            Hygiene und der Ernährung, der Vermeidung übermäßiger Sonnenbestrahlung usw.), wird es einige

            Jahre dauern, bis sich Ihr Organismus an die veränderten Bedingungen angepaßt hat. Ihre innere,

            biologische Uhr ist eben nicht so schnell wie der Jet, der Sie ans Ziel gebracht hat. Und noch länger

            werden Sie in der Regel brauchen, bis Sie die Ihnen bis dahin wahrscheinlich unvertraute

            Landessprache erlernt haben und sie in allen Nuancen beherrsche. Ähnlich mit den Runen: Auch ihr

            Reich verlangt nach Gewöhnung, nach "Aklimatisierung", auch ihre Sprache will erst erlernt werden.

            Üben Sie sich daher bitte ein wenig in Geduld und schlagen Sie nicht zu schnell über die Stränge.

            Vermeiden Sie es, in Ihren persönlichen Runenoffenbarungen mehr zu sehen als eben das, was sie

            sind: ganz persönliche Mitteilungen des Runenkosmos an Sie selbst. Wie das englische Sprichwort

            sagt: "Was für den einen Fleisch, ist für den anderen Gift." Es gibt eine unendliche Zahl persönlicher,

            individueller Wahrheiten, und es wäre fatal, die Runen dazu verwenden zu wollen, anderen

            Menschen mit ihrer Hilfe einmal mehr eine Wahrheit aufzuzwingen, die nicht die ihre ist. So etwas

            rächt sich immer bitter, es scheint fast so, als wohne den Runen ein innerer Zensur- und

            Reinigungsmechanismus inne, der solche Übertreibungen aufs Schlimmste ahndet. Das ist übrigens

            nicht dasselbe wie Moral oder Sündenkult, ganz im Gegenteil: Wovon wir hier sprechen, ist eine rein

            technische Eigenart des Runensystems, die weitab von allem liegt, was sich Menschen mit ihren

            provinziellen, kleinkarierten Moral- und Ethikbegriffen meist zusammenstümmeln. Wohl können die

            Runen zu Schadenszaubern verwendet werden, kann der Vitki oder Runenmeister mit ihnen ebenso

            töten wie heilen. In diesem Punkt sind sie so neutral, wie es nur eine Instanz sein kann, die sich

            wahrhaftig jenseits der menschlichen Vorstellungen von Gut und Böse befindet. Doch sobald er

            versuchen sollte, sich an ihrem System selbst zu vergreifen, es bewußt zu verfälschen und anderen

            seine Verfälschungen aufzuzwingen, scheinen sie Zerstörungskräfte zu aktivieren, die sich unerbittlich

            gegen ihn selbst wenden. Schamanisch gesprochen: Wer seine eigene Vision verrät, den wird sie

            töten.

           Und wenn Du über diese Bemerkungen jetzt vielleicht noch ein bißchen spöttisch lächeln solltest, so
           denke  doch einmal kurz über das Schicksal jener nach, die die Runen zu politischen

           Machtkämpfen zu mißbrauchen und verfälschen versuchten ...

 

Zur Bibliothek